FACHWECHSEL

Corona verlangte und verlangt uns allen viel ab. Konfrontiert mit der für Kunstschaffende dadurch wirklich tristen Lage widmete sich Thomas Weinhappel ab Beginn 2020 dem Rollenstudium, für das nun endlich mehr Zeit als vor Corona war. Dabei wagte er sich auf neues Terrain vor: Step by step entdeckte er für sich die dramatischen Baritonpartien von Wagner und Strauss.

Im Rheingold, dem 1852 gedichteten und 2 Jahre später komponierten, kürzesten der vier Werke des 15 Stunden dauernden Wagner’schen Ringes des Nibelungen strahlt „abendlich der Sonne Auge, in prächtiger Glut prangt glänzend die Burg“.

 »Abendlich strahlt der Sonne Auge« Wotan im Rheingold, Tulln 2021
(Michael Güttler leitet die Nibelungen - Philharmonie)

Diese Stelle fiel Thomas Weinhappel schon auf, als er sich – noch als lyrischer Bariton – mit der Rolle des Donners aus dem Rheingold beschäftigte. Seither ging sie ihm nicht mehr aus dem Kopf und mit dem Ausbruch von Corona im Winter 2019 und der solcherart aufgezwungenen Pause begann er, sich diesem Wotan mit stetig wachsendem Interesse zu nähern.

Schließlich musste er auf diesem für ihn neuen Weg – wie Wagner selbst im Mai 1851 – zugeben:

„Da hat mich nun den ganzen Winter
eine Idee geplagt,
die mich so vollständig unterjocht hat,
dass ich sie jetzt realisieren werde.“

Thomas Weinhappel erging es im Grunde genau wie seiner neuen Lieblingsrolle, dem Wotan:
Beiden war der Weg nicht von Anfang an vorgezeichnet: Bei Weinhappel war das dramatische Fach keineswegs von Beginn seiner Karriere an vorgesehen. Ebenso war Wotan von Wagner bei der Konzeption seines Ringes des Nibelungen nicht von Anfang an eingeplant. Wotan kam erst nach der 1848 entstandenen Siegfried-Dichtung ins Spiel und lief dem heldenhaften Drachentöter Siegfried schon bald mehr und mehr den Rang ab, wurde – wie manche Musikwissenschaftler behaupten – zur eigentlichen männlichen Hauptfigur des Rings - zumindest unter den Baritonen (wie Heldentenöre sagen würden).

Klar, dass man dramatische Baritone von der Wichtigkeit und Faszination, die von Wotan ausgeht, nicht erst überzeugen muss. Um aber das Fach vom lyrischen zum dramatischen Bariton zu wechseln, gehört natürlich viel mehr dazu, als der bloße – wenn auch noch so intensive – Wunsch, diesem faszinierenden Wotan Leben einzuhauchen.

Thomas Weinhappel wusste, dass ein solcher Wechsel bedeutet, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Dank der durch Corona plötzlich zur Verfügung stehenden Zeit und bestärkt durch den Zuspruch des Wagner-Spezialisten Stefan Mickisch wurde er ab Beginn 2020 wieder zum Studenten.

Dass er sich nun dieser gigantischen Rolle schon ein Stück weit genähert hat, bestätigte ihm im September 2021 die Kritik, als er beim Donaufestival »Götterklang trifft Donaugold« in Tulln für den erkrankten Bayreuther Wotan Günther Groissböck in allerletzter Minute einspringen musste. Ein buchstäblicher Sprung ins kalte Wasser, der hoch honoriert wurde, da die Kritik tatsächlich von einem „neuen Wotan“ und „der großen Überraschung des Abends“ sprach. 


Photo © NÖN Erich Marschik  /  Probe mit Andreas Schager und Maestro Michael Güttler

 »Leb' wohl, du kühnes, herrliches Kind« Wotan in Walküre, 2021
(Michael Güttler leitet die Nibelungen - Philharmonie)

 Kritik Wotan beim Donaufestival Tulln, 2021

Für Thomas Weinhappel ist Wotan – im Gegensatz zu vielen modernen Wagnerinterpretationen – kein machtbesessener, rücksichtsloser, am Ende gescheiterter Despot, sondern einer, der liebt, der irrt, der entsetzlich leidet und Wege sucht, um seine große Idee vom freien Menschen zu verwirklichen – fast schon selbst ein Mensch, auch wenn ihn Wagner einen Gott nennt.

Mit seinem Opernabend am 30. März 2022 in Wien (Barocksaal der Bank Austria) wurde ihm seitens der Kritik und des fachkundigen Publikums bestätigt, dass er sein lyrisches Fach mit Recht zugunsten des dramatischen Faches eingetauscht hat.
Kann er doch dort - wie er es selbst sagt - „das lyrische Können weiterhin gut einsetzen“, wenn er etwa, wie im Monolog des fliegenden Holländers, den Engel befragt. Wirklich begeistert ist er vor allem aber von den großartigen, fast schon pompösen Stellen im Wagner'schen Œuvre wie dem Ende des Monologs.

 »Die Frist ist um« Monolog des fliegenden Holländers, 2021

 »Die Frist ist um«, Monolog des fliegenden Holländers, März 2022

 Kritik zum Opernabend von Gregor Schima, März 2022

  
Frank Bornemann und Thomas Weinhappel, 30.3.2022, Wien, Bank Austria Salon

Thomas Weinhappel ist er sehr dankbar dafür, dass seine Stimme kraftvoller, voluminöser und satter geworden ist, ohne die feinen Nuancen zu verlieren, und zu seinen schon früher sicheren tenoralen Höhen nun auch eine verlässliche mit dunkler Glut gefüllte Tiefe kam.
Er weiß, dass er mit diesem Fachwechsel einen in Wahrheit niemals endenden Weg beschritten hat und arbeitet mit größter Freude und viel Herzblut an den Partien dieses neuen Faches:
Holländer (Der fliegende Holländer), Telramund (Lohengrin), Amfortas (Parsifal), Donner (Das Rheingold), Wotan (Das Rheingold und Die Walküre), Wanderer (Siegfried), Kaspar (Der Freischütz), Pizarro (Fidelio), Jochanaan (Salome), Mandryka (Arabella) und freut sich über die positiven Reaktionen seines Publikums, dass er während der Coronakrise schmerzlich vermisste.


Besonders gefreut hat sich Thomas über die Berichterstattung der NÖN (Redakteur Christian Pfeiffer) über den Fachwechsel und über die TV-Beiträge von TV21 (1) und (2) sowie über die überaus freundliche Kritik im onlinemerker (Redakteur Gregor Schima) über den Wagner-Solo-Abend mit der Camerata Carnuntum unter Leo Wittner am 25.5.2022:

 Kritik im onlinemerker
 
  


 »Du fürchterliches Weib«, Telramund (Lohengrin) 2021

 »Wo ist er«, Jochanaan (Salome) 2021

 »Wird dir nicht bange«, Jochanaan (Salome) 2021

 »Ich habe eine Frau gehabt«, Mandryka (Arabella) 2021

»Wenn aber das die Folge wär gewesen«, Mandryka (Arabella) 2021





 

 

   
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